
Teil 5 unserer Fachserie zeigt, wie Endverankerungen und Übergreifungsstöße nach EN 1992 1 1 fachgerecht bemessen werden – inklusive Verbundwirkungsgrad und ETA Anforderungen

Nachträglich eingemörtelte Bewehrungsstäbe sind in der Tragwerksplanung etablierte Bauteile für Verankerungen und Übergreifungsstöße – etwa bei Anschlüssen von Platten, Balken, Stützen oder Fundamenten. Damit sie sicher und normgerecht bemessen werden können, müssen jedoch klare Anforderungen erfüllt sein. Insbesondere gilt: Eine Bemessung nach EN 1992-1-1 ist nur zulässig, wenn das verwendete System eine Europäische Technische Bewertung (ETA) gemäß EAD 330087-01-0601 besitzt. Dieser Beitrag zeigt, worauf es in der Bemessung ankommt – und welche Unterschiede gegenüber einbetonierter Bewehrung zu beachten sind.
Bemessung nach EN 1992-1-1 nur mit qualifiziertem System zulässig
Nachträglich installierte Bewehrungsstäbe können als Endverankerung oder Übergreifungsstoß bemessen werden – für statische, quasi-statische, seismische oder Brandeinwirkungen. Voraussetzung ist eine ETA auf Basis des EAD 330087-01-0601. Dieses Bewertungsdokument beschreibt, unter welchen Bedingungen das System tragfähige und verformungskompatible Eigenschaften zeigt – vergleichbar mit einem einbetonierten Stab.
Für Ermüdungsbeanspruchung (nicht ruhende Einwirkungen) gibt es derzeit kein europäisch harmonisiertes Bewertungsverfahren. In diesen Fällen kann eine nationale Zulassung – z. B. eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung (abG) des DIBt – erforderlich sein.
Typische Anwendungsfälle
Typische Situationen, in denen die Bemessung nach EN 1992-1-1 und EAD 330087 angewendet wird, sind:
- Übergreifungsstöße in Platten- oder Balkenanschlüssen mit bestehender Bewehrung
- Zugbeanspruchte Stützen- oder Wandelemente bei Fundamentanschlüssen
- Endverankerungen in Platten oder gelenkig gelagerten Balken
- Druckbeanspruchte Bauteile mit Endverankerung
- Verankerungen zur Aufnahme der Zugkraftlinie in Biegeträgern

Bild 1: Zusammenhang zwischen möglicher Bemessungsnorm, Anschlussart, zu übertragene Schnittkräfte und Art der Einwirkung
Bemessungswerte und Systemgrenzen: Was sich ändern kann
Im Unterschied zur klassischen Bewehrung gelten bei nachträglich eingemörtelten Stäben produktspezifische Kennwerte. Die ETA gibt für jedes System eigene Bemessungswerte der Verbundspannung an – bezogen auf 50 oder 100 Jahre Bemessungslebensdauer. Wichtig: Diese Werte sind nicht zwangsläufig identisch mit denen einbetonierter Stäbe – sie können je nach Produkt niedriger ausfallen.
Zentrale Unterschiede bestehen in:
- Verbundspannung (f_bd vs. f_bd,PIR)
- Grundwert der Verankerungslänge (l_b,rqd vs. l_b,rqd,PIR)
- Mindestverankerungslänge (l_b,min vs. l_b,min,PIR)
Die ETA legt dabei den Verbundwirkungsgrad k_b bzw. k_b,100y fest – dieser darf maximal 1,0 betragen. Er sorgt dafür, dass auch Systeme mit schwächerem Verbundverhalten mindestens das Niveau eines einbetonierten Stabes in Beton C12/15 erreichen.
Tabelle 1: Bemessungswert der Verbundspannung und Grundwert der Verankerungslänge - Vergleich zwischen einbetonierten und nachträglich installierten Bewehrungsstäben
Praxisrelevanz: Mindestlängen verbindlich, Tabellenwerte nicht übertragbar
Mindestverankerungslängen und Übergreifungslängen sind abhängig vom System, dem in der ETA angegebenen Verbundwirkungsgrad sowie normativen Anpassungsfaktoren α_lb und α_lb,100y. Diese können Werte zwischen 1,0 und 1,5 annehmen und führen in der Praxis zu verlängerten Längen gegenüber klassischen Betonanschlüssen mit einbetonierten Bewehrungsstäben.
Wichtig für die Planung: Die direkten Werte aus EN 1992-1-1 dürfen bei nachträglich eingemörtelten Systemen nicht ohne Berücksichtigung der ETA-Werte übernommen werden. Eine solche Vereinfachung kann zu sicherheitsrelevanten Unterschreitungen führen.
Tabelle 2: Mindestmaß der Verankerungslänge, Verankerungslänge und Übergreifungslänge - Vergleich zwischen einbetonierten und nachträglich installierten Bewehrungsstäben
Fazit: Europäische Bemessung nur mit Systemkenntnis möglich
Eine normgerechte Bemessung nach EN 1992-1-1 ist für nachträglich eingemörtelte Bewehrungsanschlüsse nur zulässig, wenn ein qualifiziertes System mit gültiger ETA nach EAD 330087 verwendet wird. Entscheidend sind die im Bewertungsdokument festgelegten Kennwerte und Anpassungsfaktoren, da sie die Bemessungsgrundlagen systemabhängig verändern. Wer diese Unterschiede ignoriert oder pauschal Tabellenwerte klassischer Bewehrung ansetzt, handelt unsicher – technisch wie rechtlich.
In Teil 6 der Serie wird die Bemessung der Schubfuge nach EN 1992-1-1 behandelt und gezeigt, worauf es zu achten gilt bzw. warum die Überprüfung essentiell ist.
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